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Surf Training / Surfausrüstung

Surfboard kaufen – Ratgeber aus Sicht eines Profi Coaches

Das richtige Surfboard zu kaufen, ist immer wieder eine Herausforderung, egal ob es das erste oder das zehnte ist. Vielmals endet es mit einer Fehlentscheidung. Mit dem falschen Surfbrett blockierts du dann deine Fortschritte und Skills. Damit dir das nicht passiert, erklärt dir hier einer der gefragtesten Profi Surf Coaches Europas, wie du das richtige Board findest. Nämlich das, mit dem du der bestmögliche Surfer wirst. Anhand des Falls des Surfers „Average Joe“ erfährst du in diesem Beitrag, auf was du unbedingt achten musst. Das Lesen lohnt sich für jeden, egal ob du gerade Surfen lernst oder schon Jahre dabei bist.

Average Joe möchte sich ein neues Surfboard kaufen

Average Joe (AJ) ist ein ambitionierter Freizeitsurfer. Er surft bereits seit einigen Jahren und möchte sich nun ein Surfboard kaufen, das zu ihm und seinem Surf-Level passt. Über Freunde, Surf-Lehrer, Surf Shops und Google hat er schon allerhand Informationen zum Kauf des richtigen Surfboards erhalten. Leider widersprechen sich diese teilweise und Joe hat den Eindruck, dass einige der Ratgeber entweder selbst nicht wirklich Ahnung haben oder ihm etwas aufschwatzen wollen.

Ein weiterer Ratgeber zum Brettkauf könnte Joe nun alle Modelle für das Jahr 2019 aufzählen. Außerdem könnte er dann die Vor- und Nachteile definieren und dann eine Kauf-Empfehlung abgeben. Bei dieser Herangehensweise würde für AJ aber sehr wahrscheinlich kein sinnvoller Brettkauf zu Stande kommen. Wie die meisten von uns hat er nämlich eine ziemlich romantische Vorstellung seiner eigenen Fertigkeiten (Sorry, die Wahrheit ist manchmal hart). Dieses innere Bild verleitet ihn unbewusst dazu zu kurze, zu dicke, zu spitze, etc., Surfbretter zu kaufen.

Ein weiterer Fehler, den Joe machen könnte ist, dass er bewusst ein falsches Surfbrett kauft, weil er hofft mittelfristig gut genug für sein Board zu werden. Das ist dann eine sich selbst zerstörende Prophezeiung. Es ist eine Tatsache, dass man mit dem falschen Brett nicht zum besseren Surfer wird. Es lässt dich einfach nur in deinen Skills stagnieren und raubt dir eine Menge Freude.

Warum das so ist, wirst du gleich erfahren. Ebenso, wie ein Board aussehen muss, um AJ‘s Fähigkeiten zu maximieren.

Das richtige Surfbrett hilft Leistungsplateaus zu überwinden

Wie hängt die Stagnation der Surf-Fertigkeiten mit der Surfboard-Wahl für die 4-6 Wochen Surfurlaub im Jahr zusammen? Das Ziel dieses Beitrags ist es, diese Frage zu Beantworten und ein Verständnis dafür zu schaffen, wie Joes langfristige Surfperformance von seinem Surfboard-Kauf abhängt. Und dir aufzeigen, auf was du achten solltest, wenn du ein Surfbrett kaufen möchtest und was du getrost vernachlässigen kannst.

Paddler, Dropper oder Surfer? Der Kontext für den Freizeitsurfer

Wir nennen es Surfen, doch die meiste Zeit paddeln wir eigentlich bloß. Nehmen wir uns etwas Zeit, diesen Gedanken in Zahlen zu fassen. Wieviel surft Joe in einer Session, einer Woche, einem Jahr tatsächlich? Und damit meine ich wirklich Surfen. Wellen die ihm gehören, die offen bleiben, die nicht bloß aus einem Drop bestehen und die er nicht nach 10 Metern durch einen Fahrfehler versaut.

In einer 60 min Surfsession paddelt AJ ca. 30 min seiner Zeit. Weitere 18 min sitzt er im Wasser. Die Zeit die er stehend und surfend auf dem Surfboard verbringt sind lediglich 1-3 min. Die restlichen, rund 10 Minuten geht er „Over-the-Falls“, startet Wellen an, die er nicht bekommt, schwimmt und schluckt Wasser oder dropped anderen rein.

In anderen Worten, es ist für AJ eine Herausforderung, in 60 min mehr als 2 Wellen wirklich zu surfen. Danach ist er meistens ermüdet und es geht nicht mehr viel. Oder die Tide hat sich geändert und der Onshore Wind kommt und es gibt statistisch gesehen immer weniger Wellen die AJ im Line-up surfen könnte.

Geht man zusätzlich davon aus, dass in 7 Tagen Surfurlaub im Schnitt 1,9 Tage +/-0,9 Tage surfbarer Wellenbedingungen herrschen, dann kommt AJ bei 4 Wochen Surfurlaub pro Jahr auf durchschnittlich 7,6 Tage +- 3,1 Tage. Das macht bei rund 10 Jahren Freizeitsurfen rund 100 gute Tage mit durchschnittlich 2-4 Wellen gesurften Wellen. Das sind in 10 Jahre rund 300 gesurfte Wellen.

Jeder weiß, zum Lernen braucht es viele Wiederholungen. Die einfachste Möglichkeit seine Lernkurve zu verbessern ist die Anzahl an Wiederholungen zu erhöhen! Und wie man sieht, ist das als Freizeitsurfer im Binnenland gar nicht so einfach.

Ein guter Surfer werden - The Hard Thing About Hard Things

Abbildung: Das richtige Surfboard gibt dir mehr Zeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Die richtige Surfboard Größe – was sind die wichtigsten Maße?

AJ’s Surferträume hängen aber zu großen Teilen von der Verbesserung seiner Lernkurve ab. Es mag den ein oder anderen verwundern, aber das richtige Surfboard kann Joe sehr dabei helfen seine Wünsche zu erfüllen – wenn er die richtigen Prioritäten setzt. Seine Wünsche sind:

  • Jedes Jahr mehr Wellen mit mehr Freude abreiten
  • Wellen so zu surfen, dass er bewusst Aufmerksamkeit auf sein Surfen legen kann
  • In der Lage zu sein, sich nicht von anderen Surfern, Geschwindigkeit, Anstrengung etc. ablenken zu lassen
  • Lernen, die Welle besser zu lesen

Nun die Frage: Was kann Joe bei gegebenem Talent und gleicher Surfzeit tun, um darauf Einfluss zu nehmen? Aus meiner Erfahrung viel! Es fängt bei der Selbsterkennung seiner Fähigkeiten und Schwimmtraining an und hört beim Surfbrett-Kauf auf.

Aber auf was soll AJ nun achten bei seiner Kaufentscheidung? Was sind die wichtigsten Kriterien und was ist weniger wichtig?

Surfboard Volumen – warum es weniger wichtig ist, als du denkst

In den letzten Jahren ist das Volumenmaß bei Wellenreitbrettern populärer geworden. Damit kam eine weitere Variable beim Brettkauf dazu. Seitdem ist das Volumenmaß das bevorzugte Argument von AJ, wenn es um die Wahl seines Surfboards geht. „Es ist zwar kurz aber hat 45 l Volumen.“ Ein Satz, der in der deutschsprachigen Surfgemeinde bestimmt öfter gehört wurde.

Fakt ist aber, wenn viel Volumen auf geringe länge trifft, so lässt sich das Brett nicht schneller paddeln. Ist das gleiche Volumen wiederum homogen über mehr länge verteilt so kann man sich schneller im Line-up fortbewegen.

Das Volumen ist im Endeffekt eine mittelbare Größe, welche sich aus der sinnvollen Auswahl anderer Größen ergibt – allen voran die Länge.

Surfboard Länge – die Mutter aller Kriterien beim Surfboard-Kauf

Sobald AJ auf einem längeren Brett wie Egg, Malibu, Midlenght surfen geht, kann er sich kraftsparender durch das Line-up bewegen. Er kann schneller durch Strömungen paddeln und auch kleinere Inside-wellen reiten. Er kann vor Clean-up-sets schneller abhauen und die Schulter anpaddeln. Er spart dabei mehr Energie für sein surfen. Bei einem kleineren Brett wie Fish oder Shortboard wäre das nicht möglich. Hier ein kleiner Artikel dazu.

Von AJ und seinen Freunden hört man bei diesem Argument regelmäßig, dass sie ein großes Brett nicht duck-diven können und sie somit nicht ins Line-Up kommen. Deshalb wählen sie ihr Board lieber kurz und Spitz mit wenig Volumen. Und genau diese Surfboard Auswahl macht Joe zum Paddler, bestenfalls zum Dropper, aber nicht zum Surfer. Daher mein Rat für AJ: „Wer mit einem längeren Brett nicht in der Lage ist das Line-up zu erreichen, der weiß automatisch, dass die Wellenbedingungen nichts für ihn sind.“ Fact.

Surfboard Länge - Midlength

Abbildung: Volumen über eine ordentliche Länger verteilt. Mit diesem Board kannst du schnell paddeln!

Da Surf-Fitness ein prinzipielles Problem für AJ und seine Kollegen ist, solange sie keine Leistungsschwimmer waren, macht aus Ausdauer-Sicht ein längeres Brett immer Sinn. Es spart Energie und AJ hat mehr Ressourcen um sich auf das Surfen zu konzentrieren und die Kraftausdauer wird dabei spielerisch trainiert.

Außerdem muss AJ nicht die Welle am steilsten Teil anpaddeln wo er meist nicht fit und schnell genug ist um rechtzeitig den Takeoff zu stehen. Man kann sagen, dass ein längeres Brett ein ideales Trainingstool für AJ ist, wenn er lernen will, Welle und Line-up besser zu lesen.

Der Zusammenhang von Surfbrettgröße und Lernschritten im Gehirn

Die richtige Surftechnik, wird als die richtige Bewegung im richtigen Teil der Welle definiert. Das heißt, wenn AJ zwar die richtige Bewegung macht, aber diese im falschen Teil der Welle ausführt, stürzt er.

Umso kürzer nun das Brett desto mehr muss sich Joe darauf bewegen (Compress, Lean, Rotate). Ein Shortboard oder ein Fish verlangt, dass er die Geschwindigkeit in Millisekunden umleitet und das am energiereichsten Teil der Welle.

Ergo muss alles ganz schnell gehen und das Gehirn von AJ muss die räumlichen und zeitlichen Eindrücke vorhersehen und mit den Bewegungen abstimmen. In Surfer-Lingo: Timing und Flow müssen perfekt sein. „Beeing caught behind“ ist bei AJ mit zu kurzen Brettern daher das klassische Phänomen. Wissenschaftler nennen das Embodied-Cognition-Overflow. D.h. alles passiert zu schnell zur gleichen Zeit und AJ kann nicht schnell genug reagieren.

Position auf der Welle kurzes Surfboard

Abbildung: Ein kurzes Brett will nah an der Pocket manouvriert sein. Die Pfeile zeigen an, in welche Richtung die Energie der Welle abnimmt.

Ein längeres Brett, wie ein Egg, Malibu oder Mid-Lenght hingegen, verlangsamt die Surferfahrung für das Gehirn von AJ. Er kommt durch die Länge des Brettes viel Früher in die Welle. Somit bleibt dem Gehirn von AJ viel mehr Zeit um vorauszusagen was die Welle in den nächsten 5 Sekunden machen wird.

Da das Brett nun viel schneller von selber gleitet, kann AJ die Linie in der noch flacheren Welle wählen und das Brett laufen lassen. In Surf-Lingo: Trim and Glide.

Positon auf der Welle langes Surfboard vs kurzes Surfboard

Abbildung: Ein längeres Brett (roter Surfer) ermöglicht auch in den nicht kritischen Teilen zu surfen und man kann sich somit sich besser auf das Trim and Glide entlang des Wellen-Faces konzentrieren. Das Wellenreiten läuft langsamer und bewusster ab.

Bei dieser Erfahrung können die Eindrücke der Welle beim Surfen bewusster verarbeitet werden und AJ´s Gehirn kann die Bewegungen „Compress, Lean, Rotate“ auf die Teile der Welle routinierter abstimmen. Somit wird die Erfahrung der Welle tiefer in das Langzeitgedächtnis eingewoben. Auf Dauer und durch Wiederholungen ist das Resultat eine steilere Lernkurve der Surffähigkeiten von AJ. Er lernt somit unbewusst die klassischen Surfbewegungen mit Gedächtnisspuren der bisher gesurften Wellen in seinem Leben zu verknüpfen. Er trainiert seine visuomotorische Kontrolle. Das A und O des Surfens.

Hierarchie der Kriterien beim Surfboard-Kauf

Entscheidend um das zu realisieren ist also die Länge. Diese ist aber untrennbar mit der Forme (Shape) des Surfboards verbunden. Daher hier eine kleine Hierarchie bezüglich der Maße, Shape, und Rocker-Lines. Das wichtigste zuerst:

Priorität 1: Shape – MALIBU, EGG, MID-LENGHT, FUNBOARD, oder HYBRID

Priorität 2: Länge – ca.1 Fuß länger als du selbst

Priorität 3: „Nichts was aussieht wie ein aufgebogenes Bananentorpedo“.

(Wie du siehst kommt Volumen in dieser Hierarchie gar nicht vor…)

Zusammenfassung – Welches Surfboard solltest du nun kaufen?

Was heißt das alles nun für Average Joe? (Vielleicht hast du ja auch bemerkt, dass es gewisse Parallelen zwischen AJ und dir gibt?)

Es ist nicht meine Intention kürzere Bretter für Freizeitsurfer schlecht zu reden. Jeder kann ein kürzeres Brett im Quiver haben. Aber ein etwas längeres Brett ist für Trainingsfortschritte bedeutend! Ich empfehle eine Armlänge mehr als seine Körpergröße. Kein zu langen Fish und kein zu langes Shortboard. Du solltest als Shape, MALIBU, EGG, MID-LENGHT, FUNBOARD, oder HYBRID wählen.

Wenn du eigenständig Speed generieren kannst, enge S-Lines fahren und deine Sessions mehr aus Surfen und wieder rauspaddeln bestehen als aus rumsitzen, dann kannst du überlegen auch mal ein Shortboard zu TESTEN. Mangelnde Fitness und Fähigkeiten ein größeres Board ins Line-Up zu manövrieren sind dagegen genau wie ein zu kleines Auto (Dachträger!) oder cooleres Aussehen (wirkt nur so lange du nicht im Wasser bist) keine Argumente für ein Shortboard.

Surfboard kaufen - Entscheidung

Abbildung: Gute Wahl – so ein Board generiert auf der Welle von alleine Geschwindigkeit und du kannst dich aufs Surfen konzentrieren.

Was sind die größten Fehler beim Surfbrett kaufen?

Wie das richtige Board aussehen sollte weißt du nun also. Um ganz sicher zu gehen, hier noch eine kurze Auflistung der größten Fehler, die es bei der Boardauswahl zu vermeiden gilt:

  1. Das Brett ist zu kurz
  2. Das Brett ist zu dick
  3. Das Brett ist zu spitz
  4. Du kaufst ein Surfbrett, für das du JETZT noch nicht gut genug bist und hoffst, dass deine Skills „reinwachsen“

Übung zum Brettkauf

„Only a poor craftsman blames his tools“

Eine kleine Übungsreihe für AJ, um auf seinem neuen Brett schneller zu lernen. Außerdem ein kleiner Realitäts-Check ob AJ´s Fähigkeiten im Surfen mit dem Brett mithalten können.

  1. Brettwahl: längeres Board

30 min Wasserzeit

Ziel: 2 Wellen mit einer sauberen S-Line surfen

Wenn Ziel nicht erreicht zurück zu Anfang 1. Wenn Ziel erreicht dann:

  1. Brettwechsel: kurzes Brett

30 min Wasserzeit

Ziel: 2 Wellen mit je einer engeren S-Line.

Wenn Ziel nicht erreicht zurück zu Anfang 2. Wenn Ziel erreicht dann:

  1. Brettwechsel: längeres Brett

20 min Wasserzeit

Ziel: 1 Welle: So viel Geschwindigkeit wie möglich aufbauen.

Nach 80 min surfen ist eine Pause sinnvoll. Außer es pumpt und der Average Joe hat noch Ressourcen.

Wenn AJ, nun das Level 3 an den meisten Surfsessions erreicht, so kann er davon ausgehen, dass ein kurzes Brett absolut berechtigt in sein Quiver gehört.

 

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