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Ein guter Surfer werden – The Hard Thing About Hard Things

Was sind eigentlich die Voraussetzungen, ein richtig guter Surfer zu werden? Die Standardantworten dazu sind: Am Meer leben, in jungen Jahren mit dem Sport anfangen und Talent haben. Das ist ja wie ein Schlag ins Gesicht! Vielleicht sollte ich lieber gleich aufhören. Aber ich frage lieber erst nochmal allgemeiner: Was sind eigentlich die Voraussetzungen um überhaupt in irgendetwas richtig gut zu werden? Und in einer Hinsicht ist hier die derzeitige Forschungsmeinung relativ klar: Den letzten Punkt – Talent – können wir wieder aus der Liste streichen. Das Geheimnis des Erfolges ist ein anderes. Etwas simples, aber leider nicht einfaches. Was es ist und wie man es beim Surfen anwendet, wollen wir uns mal genauer ansehen.

Talent is overrated

Talent wird überbewertet – das postulieren zurzeit diverse Autoren in der Sparte der Management und Selbstoptimierungsliteratur. Und ihre Behauptung wird von aktuellen Forschungsergebnissen gestützt. Als erster hat Bestseller-Autor Malcolm Gladwell diese Erkenntnis in die Breite getragen, der in seinem Buch „Outliers“* die 10.000 Stunden- Regel populär gemacht hat. Es folgten z.B. Geoff Colvin („Talent is Overrated“)* und Robert Greene („Mastery“)*. Bei der 10.000 Stunden Regel wird davon ausgeganen, dass 10.000 Stunden Übung notwendig sind, um in seinem Feld ein absolutes Top-Niveau zu erlangen. Der schwedische Psychologe K. Anders Ericsson präzisiert diese Anforderung in seinem Paper „The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance“, dass nicht bloß das einfache Ausführen einer Sache reicht, sondern, dass das notwendig ist, was er „Deliberate Practice“ nennt. Deliberate bedeutet auf Deutsch bedacht, überlegt, reflektiert. Deliberate Practice lässt sich somit als „reflektierte Übung“ beschreiben. Was sich genau dahinter verbirgt und was der Unterschied zu schlichter Wiederholung ist, wird weiter unten beschrieben.

Zunächst schauen wir uns aber mal das Thema Talent genauer an. Denn es gibt ja ohne jeden Zweifel Menschen, die in gewissen Sachen besonders talentiert sind. Ihr seid bestimmt auch schon mal jemandem begegnet, vielleicht beim Surfen lernen, der eine Sache angegangen ist und sie in kürzester Zeit gut beherrscht, während ihr nur mühsam vorankommt. In solchen Situationen kann man aber durchaus hinterfragen, ob diese Person tatsächlich ein Naturtalent ist, oder vielleicht in einer ähnlichen Disziplin trainiert hat. Jemand der schon Jahre lang Snow- und Skateboard fährt und vielleicht noch ein guter Schwimmer ist, wird sicherlich schneller sicher auf dem Surfboard stehen, als jemand der nie etwas Vergleichbares gemacht hat. Bei meinem letzten Surftrip nach Bali habe ich den Südtiroler Lifestyle-Blogger Markus Ranalter kennengelernt, der nach Bali gekommen war um Surfen zu lernen. Er wohnt in Italien nur 5 Minuten vom größten Skigebiet Europas entfernt, wo er seit dem Kindesalter die Pisten unsicher macht. Als er mir nach nicht mal zwei Wochen Aufnahmen von seiner Go-Pro gezeigt hat, war ich ziemlich beeindruckt, wie gut seine Fortschritte waren und ich bin mir sicher, dass das mit seiner sportlichen Vergangenheit zu tun hat. Manchmal ist „Talent“ also einfach das Ergebnis einer entsprechenden Vorgeschichte.

Markus Ranalter - Surfen lernen

Markus stand nach nur einer Woche schon recht sicher auf dem Board.

Doch Talent zu haben ist noch lange kein Erfolgsgarant. Menschen die mit Talent „verwöhnt“ sind, treffen häufig auf einige Schwierigkeiten. Es wird weiter unten noch diskutiert, dass ein Entscheidender Erfolgsfaktor die Motivation zum Üben ist. Und hier sind die Talente im Nachteil. Ihr einfacher Einstieg ließ Sie nicht den Zusammenhang zwischen Anstrengung und Erfolg erkennen, weshalb folgende Gefahren drohen:

  • Sie haben Schwierigkeit zwangsläufig auftretende Leistungsplateaus zu überwinden und neigen in solchen Situationen Zur Stagnation
  • Sie bringen Spitzenleistungen nicht konstant über längere Zeit, sondern neigen zu starken Leistungsschwankungen

Wenn bei euch also auch nicht alles beim ersten Mal klappt, ist das kein Grund neidisch zu sein und schon gar nicht dafür es nicht immer weiter zu probieren. Gegenüber besseren Surfern haben wir im Prinzip nur einen Trainingsrückstand, den es aufzuholen gilt. Wie man dabei am besten vorgeht, wird als nächstes betrachtet.

Deliberate Practice – Qualität & Quantität zählen!

Deliberate practice – reflektiertes Üben. Was genau verbirgt sich nun dahinter? K. Anders Ericsson beschreibt folgende Punkte als entscheidende Komponenten:

  1. Der Übende muss motiviert sein die Aufgabe auszuführen und bereits sein Anstrengung auf sich zu nehmen, die Notwendig für ein fokussiertes und achtsames Training.
  2. Die Übung sollte auf das bereits vorhandene Skill-Level abgestimmt sein.
  3. Der Übende sollte unmittelbare Rückmeldung zu seiner Leistung bekommen.
  4. Die Selbe, oder eine ähnliche Übung sollte wiederholt durchgeführt werden.

Im Kontrast zu reflektiertem Üben steht spielerisches Lernen. Hierbei steht nicht das fokussierte Üben im Vordergrund. Es ist eine unstrukturierte Form des Lernens, in der auf einen natürlich vorhandenen Motivationsfluss gesetzt wird. Sie stellt keine hohen Anforderungen an Konzentration und Selbstkontrolle, ist aber sehr limitiert, was die durch diese Methode erreichbaren Könnens-Stufen angeht. Wie können wir diese Erkenntnisse nun für unser Surftraining nutzen?

Reflektiertes Üben umsetzen um ein guter Surfer zu werden

Der eigentliche Grund warum wir surfen ist (hoffentlich) um Spaß zu haben. Die wenigsten von uns streben es an, an Wettkämpfen teilzunehmen und sich mit den Besten der Besten zu messen. Aber es macht einfach mehr Spaß, wenn man auf einem höheren Niveau surft. Zwischen Spaß und Verbesserung gibt es aber einen Trade-Off. Denn das reflektierte Üben macht nicht unbedingt Spaß und erfordert viel Aufmerksamkeit. Um es mit den Worten von Geoff Colvin zu beschreiben: „Deliberate practice is hard. It hurts. But it works.“ Wen wir uns einfach ins Wasser stürzen und eine Welle nach der anderen nimmt, erreicht zwar Quantität, aber nicht die Qualität, die nötig ist um sich entscheidend zu verbessern. Als Hobby-Surfer gilt es deshalb die Balance zu finden und öfters mal Sessions einzulegen, die auf die Verbesserung der Skills zielen.

Ich habe mal versucht die von Ericsson, Colvin & Co. gelieferten Empfehlungen in unsere Sportart zu übersetzen:

  • In einer Einheit immer nur eine Sache gleichzeitig üben, diese aber umso intensiver und fokussierter.
  • Dinge üben, die zum eigenen Skill-Level passen. Das ist gar nicht so leicht einzuschätzen und es bietet sich an Jemanden mit Erfahrung zu Rate zu ziehen.
  • Eine Sache wiederholen, bis sie sitzt. Dann kann man sich einer neuen Herausforderung widmen.
  • Die ideale Ausführung der Sache, die man trainiert, vorher intensiv studieren und visualisieren.
  • Für Feedback sorgen. Wenn ich im Wasser gelandet bin, habe ich wahrscheinlich etwas falsch gemacht. Aber auch aus unserer Perspektive gelungene Manöver sind vielleicht alles andere als optimal verlaufen. Da können externe perspektiven helfen. Das von Ericsson gezeichnete Idealbild mit einem eigenem Coach ist für uns natürlich schwer zu realisieren, aber es gibt auch andere Quellen für Feedback, die für uns besser zugänglich sind:
    • Durch einen Coach oder Surfguide (z.B. in einem Surfcamp).
    • Durch einen Trainingspartner, möglichst einen der besser ist als wir selbst.
    • Durch Videoanalyse. Ich finde Videoanalysen meiner Fahrten immer sehr aufschlussreich. Wenn man sich selbst im Video sieht, bemerkt man häufig eine große Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Realität. Häufige Videoanalyse hilft so auch die Selbstwahrnehmung zu schulen.
  • Auch Tage mit schlechten Bedingungen lassen sich gut zu gezieltem Training nutzen. Dann fällt es weniger schwer die Session für mühsames Üben zu opfern.
  • Flexibel sein. Beim Surfen ist man sehr von externen Bedingungen abhängig. Als Urlaubssurfer müssen wir nehmen, was wir kriegen können, entsprechend flexibel müssen wir bei unseren Trainingseinheiten sein.
  • Keine Angst vor Fehlern. Wer Dinge übt, die er noch nicht beherrscht wird Fehler machen, ansonsten bräuchte man sie ja nicht zu üben. Dabei muss man in Kauf nehmen, dass man nicht immer das Beste Bild abgibt.
  • Zwischendurch Spots surfen, an denen das Niveau hoch ist und es viel Konkurrenz um die Wellen gibt. Manchmal kann es lehrreich sein, wenn man selbst die Schwachstelle im Line-Up ist.

Ich habe zwar erst mit Anfang 20 mit dem Surfen angefangen du wohne nach wie vor nicht am Meer, aber zumindest weiß ich jetzt, dass ich mangelndes Talent durch gutes Training ausgleichen kann, um ein guter Surfer zu werden. Vielleicht kriege ich die 10.000 Stunden ja irgendwann noch zusammen und kann in der Seniorenklasse zum Angriff blasen 😉

1 Comment Ein guter Surfer werden – The Hard Thing About Hard Things

  1. Alexandra

    Der Post bringt das Dilemma als Landratte total auf den Punkt! Wenn ich leicht frustriert bin, weil es nicht so klappt wie ich will, sagen meine nichtsurfenden Freunde, ich soll doch einfach nur Spaß haben. Ja, ist klar. Es macht nun mal mehr Spaß wenn das Surf-Niveau etwas höher ist, aber dafür braucht es viel Übung und gelegentliches Verlassen der Komfortzone. Cooler motivierender Artikel!

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